Autoren

Charlotte Thomas
BildRenaissance, Romantik und
Phantasie – Abstecher ins
venezianische Cinquecento


Lockruf der Lagune


Um die Jahrtausendwende herum kam mir der Gedanke, nach etlichen Frauenkomödien auch einmal einen historischen Roman zu schreiben. Begeisterung für das Genre war im Übermaß vorhanden, eine Epoche und ein Ort standen gleich zu Beginn fest: Die Renaissance musste es sein, eine Zeit, die von kultureller Aufbruchstimmung geprägt war wie kaum eine andere. Und als Schauplatz kam nur Venedig infrage, denn schon mit sechzehn erlag ich dem Zauber der Lagunenstadt, der auch nach Jahrzehnten noch ungebrochen ist. Eine Geschichte, die ich schon immer gern schreiben wollte, geis - terte ebenfalls seit langem in meinem Kopf herum: Ein episches Zeit- und Sittengemälde sollte es werden, aufwühlend und packend, romantisch und abenteuerlich, so dick wie Vom Winde verweht, tausend Seiten mindestens. Der Verlag war sofort mit meinem kühnen Vorhaben einverstanden. Damit waren alle Komponenten für das neue Projekt beisammen – bis auf die nötige Recherche. Die dauerte dann noch einige Jahre, in denen meine Faszination immer größer wurde. Mit jedem Bildband, jedem Geschichtswerk, jeder Besichtigung vor Ort gewann das, was ich erzählen wollte, an Gestalt. So begann meine Reise in die venezianische Vergangenheit.

Die magische Gondellänge

CDHört man Venedig, denkt man unweigerlich an Gondeln. Wie nichts anderes symbolisieren sie die Einzigartigkeit dieser Stadt, die ihre Macht ihren Schiffen verdankte. Märchenhaften Reichtum brachte der Seehandel und verhalf der Serenissima zu Pracht und Prunk. Auf Pfahlgründungen wuchsen Palazzi empor, aus dem Wasser, das der Stadt ihr Gesicht gibt. Es umschließt und durchfließt sie, zerteilt sie in unzählige Inseln und hält sie zugleich zusammen wie ein Lebenselixier, ohne das die Serenissima nie das berühmte Bündnis mit dem Meer hätte eingehen können, das seit vielen hundert Jah ren mit dem Fest der Sensa zu Himmelfahrt gefeiert wird.
Auch lange nach dem Ende der Dogenrepublik ziehen immer noch Gondeln auf dem Canal Grande ihre Bahn, nur, dass sie im Cinquecento bunt waren, so wie die Fresken an den inzwischen verblichenen Palazzi, deren einstiger Farbenreichtum noch heute auf Gemälden zu sehen ist. Der strahlende Glanz von damals ist verblasst, aber man spürt ihn noch, überall in diesem eigentümlichen, diffusen Licht der Lagune. Und wenn man die Augen schließt und dem Geräusch des eintauchenden Ruders lauscht, ist die Vergangenheit nur eine magische Gondellänge entfernt. Das ist der Moment, in dem in meinen Romanen die Geschichte beginnt. Charlotte Thomas

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